Szécsi Margit – Die Balkanstraße

Die Balkanstraße ist matschig,
Sie wird nachts schlaflos getreten,
Sie hadert mit des Nachthimmels
Goldstücke verbergender Handfläche:
“Jage mich nicht, die Freiheit, wie Rinde zu Baum, ist mir angewachsen.
Mein Körper lässt sich nicht gefügig machen,
feilsche nicht vorher um meine Worte.
Hättest mir keinen Mohnsaft geben sollen,
hättest nicht meine Seele stehlen sollen,
wärest mein Sternenzweig geworden,
würdest mich behüten dich über mich neigend.
Die kleinen Zuhälter halt nicht hin,
Filler zählen sie, keine Wolken.
Jedes ihrer Worte kommt mir vom Herzen
Für jedes ihrer Worte schlüge ich sie.“
Der Goldhimmel glänzt, der Goldhimmel schweigt. Die Balkanstraße schwimmt im Schlamm. Ausgewaschene Hemden umarmen auf dem Gang die Freiheit.

Ágnes Nemes Nagy Die weibliche Landschaft

So nachgiebig und weich ist diese Gegend,
man kann sie ebnen und zerlegen.
Zwischen ihren Knien blinkt eine neugierige
Blindschleiche durch: der große Fluss.

Viele tausend Jahre lobten das dichte Tal,
den üppigen Berg in etwas Sanftes –
ich stehe verwirrt, schaue mich um:
was soll ich tun in dieser weiblichen Landschaft?

Die Ostsee wäscht ihren Fuß,
ihre Haare der tyrrhenische Meerschaum,
aber doch denke ich bei ihrem glatten Nabel
an eine andere Landschaft:

wo Schildkröten gezogen werden,
wo alles höher wächst,
wo von einem riesigen Kaktuszweig
die Hitze eine rote Blume saugt,

die Kleinen fliegen auf einer Mücke,
wo das Riedgras und das Licht schneiden,
wo alles scharf wie der Verstand ist,
und alles warm wie eine Pflanze,

und gegen Abend trieft vom Moos der Bäume
Honig, dichter als Honig,
und im See plätschern bis zu meinem Knie
die lauen, grünlichen Sterne

und im Schlamm heißer als Schlamm
schmaucht, gräbt in seinem Schlaf der Krebs –
und auf meiner Schulter öffnet sich der Geist
wie eine gut gesättigte Blume.

Pilinszky János Te győzz le

Te győzz le engem, éjszaka!
Sötéten úszó és laza
hullámaidba lépek.
Tünődve benned görgetik
fakó szivüknek terheit
a hallgatag szegények

A foszladó világ felett
te változó és mégis egy,
szelíd, örök vigasz vagy;
elomlik minden kívüled,
mit lágy erőszakod kivet,
elomlik és kihamvad.

De élsz te, s égve hirdetik
hatalmad csillagképeid,
ez ősi, néma ábrák:
akár az első angyalok,
belőled jöttem és vagyok,
ragadj magadba, járj át!

Feledd a hűtlenségemet,
legyőzhetetlen kényszerek
vezetnek vissza hozzád;
folyam légy, s rajta én a hab,
fogadd be tékozló fiad,
komor, sötét mennyország.

János Pilinszky
Besiege mich
Besiege mich, oh Nacht!
Ich trete in deine dunkel schwimmenden und lockeren Wellen.
Nachdenklich stemmen in dir die Lasten ihres verblassenden Herzens die elenden Stummen

Über der zerfallenden Welt bist du die sich ändernde und doch einige, milde, ewig Trost bringende;
Es zerbröckelt alles außer dir, was deine zarte Gewalt ausstößt, verglimmt und zerbröckelt schließlich.

Aber du lebst, und brennend verkünden die dir gegebene Macht deine Sternbilder,
die uralten, stummen Gestalten:
wie die ersten Engel,
kam ich aus dir und bin geworden,
ergreife mich, durchdringe mich!

Vergiss meine Treulosigkeit, unbesiegbare Zwänge bringen mich zurück zu dir;
Sei der Strom, auf dem ich die Gischt bin,
nimm den verlorenen Sohn in dich auf,
du ernstes, dunkles Paradies.

Unser schönster Irrtum

Wir sitzen am Rande eines Felsens, der zur Milchstraße schaut
Der Himmel zieht über uns ein Dach
Wohin du auch schaust, alles halb so wichtig
Inzwischen hat sich auch die Zeit zurückgelehnt

Was wird unser schönster Irrtum sein
Und was der wildeste Gedanke?
Kann sein, dass wir bis hierher gelaufen sind
Aber unser Sehnen dann doch hier bleibt

Lass es zu, wenn es halt sein soll
Stell dir’s vor, denk nicht daran, ob es am Ende so wird
Ich bin verrückt geworden, es stört auch nicht
Wenn es anderen auch schwindlig wird

Man darf über schwache Witze lachen
Man darf vergessen, was einem wehgetan hat
So zu den Sternen aufsehen
Wie viele wohl jetzt sie gerne sehen mögen

Solange der Himmel nicht die Segel einzieht
Wirf nicht die Minuten gleich in den Wind
Bleiben wir, solange unser Tag nicht auf
einem beliebigen Hausdach landet

Lass es los, wenn es weiterziehen will
Stell dir’s vor, denk nicht daran, ob es am Ende so wird
Ich bin verrückt geworden, es stört mich nicht
Wenn es anderen auch schwindlig wird

Schritte

Wie viele Schritte jeden Tag, die wir im Laufschritt gehen
Rennen zur Schule, ins Büro
Treffen den Liebsten, treffen den Freund
Bringen die Kinder wohin sie wollen
Wenn ein Kleinkind laufen lernt
Hat es noch keine Ahnung
Wie viele Schritte es gehen muss
Bis alle sagen jetzt wird es groß
Und dann zum ersten Rendezvous
Wenn wir uns verspäten
Doch ist der Lärm im Herzen groß
Müssen die Schritte bezähmen
Manche Schritte getan in Angst
Vielleicht in die falsche Richtung
Wer weiß wohin unser Weg uns führt
Manchmal haarscharf am Abgrund
Doch Schritte die die Liebe lenken
Im Zeichen der guten Hoffnung
Sind niemals getan im Versehen
Auch wenn in uns stumme Verzweiflung brennt
Am Ende wir alle still stehen
Drum wählen wir Schritte mit Bedacht
Gehen auch manchmal vergebens
Doch Schritt um Schritt nähern wir uns
Kleinen Zielen im Leben
Fühlen wir manchmal dass Angst uns beherrscht
So sollten wir weitergehen
Denn Schritte gehören genauso zu uns
Wie der Schlag unseres Herzens mag gehen

– József Attila – Reinen Herzens

Hab keinen Vater, keine Mutter,
keinen Gott, und keine Heimat,
keine Wiege, und kein Grab,
keinen Kuss, und keine, die mich lieb hat.
Seit drei Tagen hab ich nicht gegessen,
nicht zu viel und nicht zu wenig.
Meine Macht besteht aus zwanzig Jahren,
meine Zwanzig Jahre verhökere ich.
Wenn denn keiner sie kaufen will,
soll mich doch der Teufel holen.
Mit reinem Herzen will ich einbrechen,
wenn‘s sein muss, einen dahin strecken.
Sie werden mich fangen und aufhängen,
mich dann mit gesegneter Erde bedecken
und ein Tod bringendes Gras wird wachsen
aus meinem wunderschönen Herzen.

März 1925